Die Egostadt

Auf einer meiner schamanischen Reisen näherte ich mich wie ein Vogel fliegend einer riesigen Stadt. Es war Nacht und sie war hell erleuchtet und wie ich so darüber flog kam es mir vor, als wäre sie unendlich groß und ich beschloss irgendwo da unten zu landen.

Auf einer mehrspurigen Straße gelandet nahm ich wieder Menschenform an und sah mich um. Hochhäuser und Lichtreklame wohin das Auge sah. Und so machte ich mich auf den Weg durch die Stadt. Überall Menschen die geschäftig umher rannten. Und überall reizvolle Angebote. Spiel, Prostitution, Konsumartikel aller Art, Essen in Hülle und Fülle. Es schauderte mich wie verführerisch und real mir das alles vorkam. Die vielversprechenden Angebote schienen sich mir anzupassen, oder eher vielleicht meinen zahlreichen herumrasenden Gedanken. Es war unheimlich, denn alles in dieser Stadt reagierte auf mich und das in mehrfacher Hinsicht. Ich sah Geschäfte der Korruption, Gewalt aller Art, Missgunst, Minderwertigkeit und Stolz und verspürte einen gefährlichen Sog, welcher von all dem ausging. Sobald ich an eine Stelle kam, die ich als abstoßend empfand wurde mir wie beschwichtigend erklärt, warum das so ist, dass diese Gewalt, diese Gier absolut verständlich sind, unter den gegebenen Umständen. Mir wurde klar gemacht, dass es mir nur so schlimm vorkommt, es in Wirklichkeit aber gar nicht ist.

Während ich noch immer zweifelnd die vorherrschende Situation zu erfassen versuchte, änderten sich wie von unsichtbarer Hand geführt die sichtbaren Umstände.

Auf einmal war ich mir nicht mehr ganz sicher, was ich glaubte wahrgenommen zu haben. Eigentlich sah jetzt alles recht harmlos aus und doch spürte ein anderer Teil in mir, dass sich so etwas wie ein Nebel über mein Bewusstsein gelegt zu haben schien.

Dieser Nebel mischte sich so in meine Erinnerung und in mein Urteilsvermögen, dass ich bald wie vergaß, was ich gesehen und gespürt hatte.

Ein ganz entfernt dumpfes Gefühl nicht zu wissen, wer oder was eigentlich meine Realität erschafft, blieb übrig.

Auf einer höheren Ebene wurde mir plötzlich bewusst, dass diese Stadt und das ganze manipulative Treiben ein Teil meines Selbst zu sein schien, in dem ich offensichtlich die

meiste Zeit meines weitgehend unbewussten Lebens verbrachte.

Ich verstand, wie raffiniert und berechnend meine Egos mich tagtäglich von einer Illusion in die nächste schickten, wie sie meinen Zugang zum Bewusstsein kontaminiert haben mussten, um mich so zu steuern.

Und immer wenn in mir ein Hauch von Zweifel aufkam, waren wieder durchdachte und höchst diplomatische Egos zur Stelle, die mich davon abhalten wollten im Jetzt zu sein.

Sie taten alles, um mich in der Vergangenheit oder Zukunft zu halten.

Entweder dachte ich über Geschehenes nach, bewertete es mit dem Maßstab des in der Vergangenheit Erfahrenen als schön oder hässlich, oder ich wollte etwas haben, malte mir aus, warum es so wichtig war es haben zu müssen, weil es doch so viel Tolles zu bieten hatte. Wenn ich gerade nichts haben wollte, dann war ich damit beschäftigt irgendetwas abzuwerten warum es doch klar für mich war, dieses oder jenes nicht gut finden zu können.

In dieser Bewertung, diesem ständigen Beurteilen von was auch immer flackerte kurz die Illusion auf, einen freien Willen zu haben.

Immerhin durfte ich doch frei entscheiden was ich wollte? War das so? War ich frei? Oder gaukelten mir das vielmehr meine Egos vor, welche mich keine einzige Sekunde in Ruhe ließen. Sah so die Freiheit aus? Nicht einmal nicht denken zu können? Mir wurde klar, dass ich nicht meine Gedanken gebrauchte, sondern sie mich.